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Manchmal gibt es Momente, da
stellt sich Alexander König vor, wie es wohl wäre, wenn er eine geregelte
Arbeitszeit hätte. Dienstbeginn um acht, Feierabend um sechs und dann
einfach abschalten. Es gibt Momente, da wünscht sich Alexander König so
einen geregelten Job, aber immer nur für kurze Zeit. Tief im Innern, sagt
der Priester, würde er das nicht wollen. Tief im Innern pulsiert doch die
Freude am Glauben und am Weitertragen des Wortes Gottes. Es sei ja nicht
so, dass jeder Termin Arbeit sei, sagt König und denkt dabei an die
Gemeindefeste oder Einladungen zu Geburtstagen und Jubiläumsfeiern.
"Wir sind in der Knautschzone zwischen Arbeit und Vergnügen
tätig."
Anstrengend sei es dennoch.
Der Theologe kam vor rund zwei Jahren in die Ditzinger Kirchengemeinde St.
Maria, zu der auch die Stadtteile Heimerdingen und Schöckingen gehören. Vor
etwa fünf Jahren kam zu St. Maria in Ditzingen auch die Heiligste
Dreifaltigkeit in Hirschlanden sowie St. Petrus und Paulus in Gerlingen. In
dieser so genannten Seelsorgeeinheit mit der Nummer sieben müssen Alexander
König und seine drei pastoralen Mitarbeiter Ohren, Augen und Zeit für 11
500 Mitglieder haben. Früher hatten Ditzingen, Hirschlanden und Gerlingen
jeweils einen eigenen Pfarrer. Früher gab es die Personalnot nicht. Im
ländlichen Raum, sagt der Leiter der Einheit Nummer sieben, sei es noch
schlimmer. Da komme es vor, dass sich ein Pfarrer zwischen acht Kirchengemeinden
zerreißen müsse.
Es ist 11 Uhr, das Ehepaar Winter
steht im Raum. Alexander König bespricht mit den Winters den Gottesdienst
zu ihrem goldenen Hochzeitstag in einer Woche. "50 Jahre, da hab ich
ja immer Respekt", sagt der 36-Jährige und geht den Fragenkatalog
durch: Welche Lieder sollen gesungen werden? Möchte das Paar noch mal die
Ringe tauschen? Reicht ein Wortgottesdienst, oder soll es eine
Eucharistiefeier werden? Die Winters antworten und erzählen dazu, wie das
damals war bei der Hochzeit und dass sie sich jetzt extra neue Ringe
bestellt haben. "Haben Sie noch Wünsche?" fragt König nach einer
halben Stunde. "Ach ne", sagt Frau Winter, "Sie machen das
schon."
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Der Pfarrer lächelt, er
freut sich über das Kompliment am Mittag. Sein Tag ist bald sechs Stunden
alt, zwölf weitere werden bis zum Feierabend gewiss noch vergehen. Am
Morgen hat er an der Realschule in Ditzingen Religion unterrichtet, am
Nachmittag macht er Besuche im Altenheim und hält einen Gottesdienst, für
18 Uhr hat sich ein Brautpaar angemeldet, und um 20 Uhr beginnt der
Ökumeneausschuss. Danach wird er seinen Unterricht vorbereiten. "Wir
sind jetzt wirklich an der Grenze", sagt König. Noch mehr gehe nicht,
man könne schon jetzt kaum mehr da sein, wo die Menschen sind. Wie am
Wochenende zuvor: da wurde in Gerlingen eine Ausstellung eröffnet und in
Ditzingen der neue Ministerpräsident empfangen. Wer nicht dabei war, war
der Pfarrer. Er war mit den Hirschlandener Kirchengemeinde-räten auf einer
Klausurtagung in Ellwangen. Das Thema: "Visionen und Perspektiven der
Kirchengemeinden in den kommenden Jahren".
Das Telefon klingelt,
Alexander König nimmt ab. "Ich wollte schon zurückrufen", sagt
er. "Aber ich bin unterbrochen worden." Dann planen er und seine
Gesprächspartnerin den "Dankeschönabend" für die Ditzinger
Mütter, die die Erstkommunion vorbereitet haben. Italienische Vorspeisen
soll es geben und Prosecco. "Da steigt die Stimmung", sagt König,
der früher Hochschulpfarrer in Tübingen gewesen ist. Und bei guter Stimmung
lässt sich vielleicht jene junge Dame eher zur Kandidatur für den Kirchengemeinderat
überzeugen, die Alexander König schon lange dafür gewinnen möchte. In
seiner Seelsorgeeinheit gibt es natürlich drei Kirchengemeinderäte, so wie
es jeden Ausschuss dreimal gibt und die Pfarrbüros auch.
Die 34 katholischen
Kirchengemeinden im Dekanat Ludwigsburg sind in 14 Seelsorgeeinheiten
zusammengefasst. Zwei von ihnen sind zurzeit vakant: die Nummer 14,
Freiberg-Pleidelsheim, und die Nummer 13, Remseck. Beide Pfarrer wechselten
in eine neue Gemeinde. Die Kornwestheimer Einheit Nummer zwölf wird zurzeit
von pastoralen und ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt. Ihr Seelsorger
hatte einen Zusammenbruch. Die viele Arbeit hatte die Gesundheit
angegriffen, nun muss der Priester kürzer treten.
Als Alexander König groß
wurde, gab es für jeden Ort einen Pfarrer. "Da war man voll und ganz
aufgefangen", sagt der Mann, der Jahre später selbst dem "Ruf
Gottes" folgte. Von dieser "märchenhaften, romantischen
Vorstellung" habe er sich noch nicht ganz gelöst. Doch er weiß:
"So wie damals wird es nie mehr werden."
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